{"id":296,"date":"2010-03-20T22:48:08","date_gmt":"2010-03-20T22:48:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hodruz.de\/wordpress\/?p=296"},"modified":"2010-03-20T22:48:08","modified_gmt":"2010-03-20T22:48:08","slug":"tatort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hodruz.de\/blogruz\/tatort","title":{"rendered":"Tatort"},"content":{"rendered":"<p>Seit 1970 wurden im deutschsprachigen Raum 772 Tatorte gesendet, morgen abend l\u00e4uft der 773te. Ich habe im Laufe der letzten zehn Jahre alle diese Tatorte gesehen. Sie sind ein Teil deutscher Geschichte, die mir vor der sogenannten Wende 1989 fremd war. Aus heutiger Sicht bieten die Tatorte interessante Aspekte und bieten die M\u00f6glichkeit, die Ver\u00e4nderung von Blickwinkeln und der gesamten Gesellschaft nachzuvollziehen.<br \/>\nIch picke mal ein paar Themen heraus:<br \/>\n&#8211; Ausl\u00e4nder<br \/>\nIn alten Tatorten gab es Ausl\u00e4nder nur als Gastarbeiter, als st\u00f6rendes Beiwerk oder Pauschalt\u00e4ter. T\u00fcrken, Italiener, Spanier, Jugoslawen, Griechen und Spanier wurden dargestellt, da\u00df einem heutzutage schlecht werden kann. Und tauchte mal ein Nordafrikaner auf, dann war, wie beim Holl\u00e4nder klar, da\u00df es nur um Drogen gehen kann. Ab und zu tauchte auch mal ein Neger auf, der aber entweder viel Gold oder einen Diplomatenpa\u00df hatte oder grunds\u00e4tzlich f\u00e4lschlicherweise schuldig gesprochen wurde.<br \/>\nSeit den sp\u00e4ten 1990ern ist das Thema gl\u00fccklicherweise einer Normalisierung gewichen. Nun ist man mal korrekt oder auch nicht, sind Ausl\u00e4nder gut und b\u00f6se und auch in den Ermittlerteams arbeiten Leute aus der T\u00fcrkei. Ex-Jugoslawien und Ru\u00dfland auf Augenh\u00f6he mit.<br \/>\n&#8211; Frauen<br \/>\nFrauen waren in den 1970ern Jahren nur schm\u00fcckendes Beiwerk oder Opfer. Erst in den sp\u00e4ten 1970ern gab es auch starke Frauen, sogar erste weibliche Kommissare (Buchm\u00fcller). Heute von der Sonderstellung der Frau im Tatort zu reden, w\u00e4re l\u00e4cherlich. Ausnahme: in \u00d6sterreich begegnete man auch in relativ aktuellen Tatorten Polizistinnen mit unverhohlener Abneigung, in der Schweiz l\u00e4\u00dft man das Thema geschickt komplett au\u00dfen vor.<br \/>\n&#8211; Drogen und Genu\u00dfmittel<br \/>\nFr\u00fcher: Drogen nur Schwerstkriminelle, Alkohol alle st\u00e4ndig, Rauchen dito, Mitte der 1990ern n\u00e4herte sich die Sichtweise der Realit\u00e4t an, heutzutage bem\u00fcht man sich nach amerikanischem Vorbild(?), Bier und Zigarette auszublenden, der Gebrauch aller illegalen Drogen wird hingegen in allen Details als Alltag geschildert.<br \/>\n&#8211; Team<br \/>\nFr\u00fcher ermittelte ein mehr oder weniger schrulliger Kommissar mit ein paar nichtssagenden Statisten stur bis zur Festname, heute treten auch zweite und dritte Reihe (Gerichtsmediziner, Forensiker) auf den Plan.<br \/>\n&#8211; Freiz\u00fcgigkeit<br \/>\nSehr viele Tatorte sind sehr offenherzig. Gef\u00fchlt sieht man in jedem zweiten Tatort nackte Tatsachen, teilweise auch episch lange und nicht etwa nur weibliche Oberweite.<br \/>\nManche Sexszene h\u00e4tte man im alten Ostblock auch als Porno verkaufen k\u00f6nnen und auch sonst gibt es wenige Niederungen, in die sich ein Tatort nicht vorgewagt h\u00e4tte.<br \/>\nVor allem f\u00e4llt die Realistik in der Pathologie auf; bisheriger H\u00f6hepunkt: die Obduktion eines S\u00e4uglings.<br \/>\n&#8211; Technik<br \/>\nDer wohl interessanteste Aspekt. Schaut man die Tatorte chronologisch, f\u00e4llt der technische Fortschritt besonders im Auge. Mancher Fall von 197x lie\u00dfe sich mit einem g\u00e4ngigen Mobiltelefon in Minuten l\u00f6sen, manche Handlung ist in unserer Handy- und Internetzeit mittlerweile sogar unvorstellbar.<br \/>\nUnd man erkennt auch den Fortschritt an Bild und Ton, so wird erst 4:3 gesendet, dann kommen Videotextuntertitel dazu, es folgen Stereo- bzw. Zweikanalton und dann 16:9 und Dolby Surround. Sicher strahlt man heute den Tatort auch in HD aus, doch soweit bin ich noch nicht.<br \/>\nGl\u00fccklicherweise verhindert heutzutage die B\u00fcrokratie und Inkompetenz des Apparats die effiziente Anwendung moderner Technik, sonst h\u00e4tte die Mordkommission immer 100% Aufkl\u00e4rungsquote.<br \/>\nSicher kann man zum Thema noch viele Seiten f\u00fcllen, aber ich m\u00f6chte den Rahmen des Blogeintrages nicht sprengen.<br \/>\nJeder, der sich f\u00fcr j\u00fcngere deutsche Zeitgeschichte interessiert, solle sich ruhig mal ein, zwei olle Tatorte anschauen.<br \/>\nAbgesehen davon spielte im Tatort quasi auch jeder semiprominente aus Funk, Sport und Fernsehen mit oder f\u00fchrte Regie, ich nenne nur mal die Namen Samuel Fuller, Rolf Hoppe, Udo Lindenberg, Nena, Sandra, Wolfgang Mischnick, Walter Sedlmeir, Curd J\u00fcrgens, Wolfgang Petersen, Wolfgang Staudte, Berti Vogts, Robert Vaughn, Bela B. und nat\u00fcrlich Nastasja Kinski heraus, und habe noch hundert andere bekannte Namen vergessen.<br \/>\nWeitere Infos zum Thema findet man in der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tatort_%28Fernsehreihe%29\">Wikipedia<\/a> und im <a href=\"http:\/\/www.tatort-fundus.de\/web\/\">Tatort-Fundus<\/a>.<br \/>\nNoch ein Erg\u00e4nzung: k\u00fcrzlich hat es die ARD geschafft, und mit der Ver\u00f6ffentlichung von Tatorten auf DVD begonnen. An sich ja nett, aber: eine fette DVD-Box enth\u00e4lt genau vier DVDs mit je einer Folge. Daf\u00fcr werden stolze 40 EUR verlangt. Das bedeutete ja, von der Platzverschwendung abgesehen, da\u00df man f\u00fcr alle Tatorte, so sie denn \u00fcberhaupt alle erscheinen, 7.720 auf den Tisch legen m\u00fc\u00dfte?<br \/>\nIch h\u00e4tte da eher an 500 EUR gedacht und eine gescheit gestaltete Festplatte mit allen Folgen darauf.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hodruz.de\/blogruz\/media\/tatorte.jpg\" alt=\"Tatort\" title=\"Tatort\" \/><br \/>\nUnd zum Schlu\u00df noch meine &#8222;Lieblingskommissare&#8220; ohne Rangfolge:<br \/>\n&#8211; Manfred Krug als Stoever<br \/>\n&#8211; Gustl Bayrhammer als Melchior Veigl<br \/>\n&#8211; Jan-Josef Liefers als Gerichtsmediziner Prof. Boerne<br \/>\n&#8211; Lutz Reichert als Meier II<br \/>\n&#8211; Andrea Sawatzki als Charlotte S\u00e4nger<br \/>\n&#8211; Michael Janisch als Michael Fichtl<br \/>\n&#8211; Maria Furtw\u00e4ngler als Charlotte Lindholm<br \/>\nEinen Lieblingstatort habe ich nicht, denn man mu\u00df sie in ihrer Zeit betrachten und auch im Kontext. \u00dcberdurchschnittlich gute Krimis lieferte eigentlich immer der Bayerische Rundfunk ab, aber auch der Saarl\u00e4ndische Rundfunk leistet Erstaunliches.<br \/>\nEine Krimiserie die fast so alt ist, wie ich selbst, mein Gl\u00fcckwunsch. Allerdings finde ich, da\u00df weniger mehr w\u00e4re und man derzeit zu viel produziere. Klasse statt Masse w\u00e4re mir hier lieber.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 1970 wurden im deutschsprachigen Raum 772 Tatorte gesendet, morgen abend l\u00e4uft der 773te. Ich habe im Laufe der letzten zehn Jahre alle diese Tatorte gesehen. Sie sind ein Teil deutscher Geschichte, die mir vor der sogenannten Wende 1989 fremd war. 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